Alfred Hruschka 

Kunst - Eine Reise
Uschi Edlinger, 2014

"Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Es ist die Quelle aller wahren Kunst und Wissenschaft."
(Albert Einstein)

Kunst und Wissenschaft sind beide Reisende auf dem Weg zur Wahrheit. Während Wissenschaft immer objektiv bleiben muss, hat Kunst alle Freiheiten. Wissenschaft prüft alles, Kunst schreit und zeigt auf. Oft unbequeme Wahrheiten, die wir nur wahrnehmen, wenn wir auch bereit sind sie zu sehen. So ist der Kunst höchstes Ziel nicht die Lösung von Problemen, sondern provokantes Aufzeigen, Anregung zum kritischen Denken und Zulassung neuer Sichtweisen, die in unserem sonst so wohlgeordneten Leben, nagende Samen der Veränderung pflanzen. Kunst als Chance.

In unserem hektischen Alltag neigen wir dazu, Gefühle und all die stillen Untertöne zu übersehen. Es scheint, dass in einer materialistischen Welt voller Informationen und Unterhaltung, durch Regeln und Konsum bestimmt, kein Platz mehr ist für das Unsichtbare. Dabei sollten wir uns erinnern:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."
(Antoine de Saint-Exupéry).

Während Medien bisweilen unsere Sinne auf den letzten Nerv reizen, agiert Kunst subtiler, wie ein Schlüssel zu unseren verborgenen Emotionen. Sie bedient sich hierbei eines archaischen Geheimweges und dem effektivsten Kommunikationskanal seit Anbeginn der Evolution: der Macht unseres Unterbewusstseins. Kunst als Spiegel.

"Siehst du dich im Anderen?", ist der Titel eines Kunstobjekts von Alfred Hruschka und impliziert die Möglichkeit einer einfühlsamen Introspektion durch einen kreativen Prozess. Auf der einen Seite haben wir die alten, vergessenen, auch beschädigten Materialien, die uns ihre Geschichten zuflüstern. Auf der anderen den direkten Zugang zu uns selbst. Was daraus entsteht, entscheidet jeder selbst. Wie weit möchten wir gehen? Was möchten wir in der Zwiesprache mit Kunst zulassen? Kunst als Weg.

Proust postuliert: "Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen."

Können wir andere überhaupt noch sehen? Oder ist der egoistische Individualisierungswahn im Selbstdarstellungszeitalter schon so weit vorangeschritten, dass all die smarten Apps längst uns beherrschen und nicht wir unseren vermeintlich modernen Lebenstil? Und wenn alles was wir sehen, nur eine Projektion dessen ist, was unser Gehirn uns glauben machen will? Wenn dies nur der Anfang und unsere Welt nicht mehr ist, als ein grausames Freizeitspiel einer mystischen Energie? Die Wirklichkeit bleibt immer relativ. Kunst immer losgelöst und besser als jede Realität. Sehen wir uns in ihr? Kunst als Sehhilfe.

"Wir dürfen nicht zulassen, dass uns Uhr und Kalender blind machen für die Tatsache, dass jeder Augenblick ein Wunder und ein Mysterium ist." (H.G. Wells)

Kunst ist wie ein materialisiertes "panta rhei" und zeigt uns die Bedeutung von Vertrauen in unsere Sinne und die energetischen Geheimnisse des Lebens. Kunst kann eine Erinnerung an die magischen Wunder aus unserer Kindheit sein oder eine Mahnung innerer Dämonen über verdrängte Erinnerungen. Dabei fungiert sie als therapeutischer Diskurs und kreiert einen eigenständigen dynamischen Organismus, denn alles ist Teil des Ganzen - und somit Ursprung jeder Veränderung. Diese findet immer im Jetzt statt. Uns gehört zwar nicht die Zukunft, aber wir besitzen den Moment. Kunst als Erinnerung.

Hruschkas Objekte produzieren ständig "Gestalt Transformationen", die den Betrachter ganz ohne Diktat, auf geheimnisvolle Weise, zu sich führen. Sich selbst erkennen lassen. Und andere. Dies ist möglich, durch Öffnung eines kreativen Linkes, einer lebendigen Projektion, da alle ungelösten emotionalen Probleme solange Geschichten über ihr eigenes Schicksal evozieren, bis sie irgendwann ein heilendes Ende finden können. Kunst als Therapeut.

Gute Geschichten sind wohl die letzten wahren Helden des menschlichen Lebens. Sie sind stark genug, um unsere Herzen kulturübergreifend zu berühren und sich von ihrem transportierenden Medium zu lösen. Kunst erfasst und verwandelt Geschichten in eine universelle Sprache mittels mythischer Strukturen, die alle Zeit und Raum überdauern. Kunst als Dolmetscher.

"Beim Anblick dieser Sterne, wurden plötzlich all meine Sorgen und Gewichte des irdischen Lebens in den Schatten gestellt." (HG Wells)

Kunst als ein Stern, der darauf wartet betrachtet zu werden? Als "eskapistischer Transmitter" zwischen dem hoffnungslosen Wissen um unsere Sterblichkeit und einer wohltuenden Ablenkung eines wahrhaft glücklichen Momentes? Warum nicht. Aber Stern ist nicht gleich Stern, denn:

"Die Leute haben Sterne, aber es sind nicht die gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Für wieder andere, die Gelehrten, sind sie Probleme." (Antoine de Saint-Exupéry)

Kunst eröffnet Einblicke in uns selbst, ganz ohne Sternenreisen und fügt unseren Problemen eine therapeutische Relativierung bei. Es ist an uns, den persönlichen Lebensstern mit Bedeutungen zu füllen, eigene Identitäten zu finden und sich in modernen Kommunikationsgesellschaften mit ihren zahlreichen Möglichkeiten nicht zu verirren. Eine einziger Avatar im Buch der sozialen Spinnennetze, scheint schon lange nicht mehr zu genügen und die vermeintlich gesellige Dauererreichbarkeit kann schnell in eine Freundschaft mit zwei Gesichtern umschlagen: liked but lonely. Kunst als wahrer Freund.

Neue, zeitlose Verbindungen, losgelöst von allem Körperlichen und Konsum, mit synaptischer Verlinkung zu einem befreiten Geist? Nicht konsumieren zu müssen - ein wünschenswerter Zustand? Kunst als Befreier.

"Wenn sie ihm einen Körper ohne Organe hergestellt haben, dann werden sie ihn von all seinen Automatismen befreit und ihm seine wirkliche und unvergängliche Freiheit zurückerstattet haben." (Antonin Artaud)

Im Alltag können wir die Existenz von Materie - also alles was per definitionem Masse und Volumen hat - nicht in Frage stellen, doch die Quantenphysik lehrt uns, dass Materie keine ständige Realität besitzt und wir die Macht hätten, unsere Welt nur mit der Kraft von Gedanken zu ändern. Kunst als Schicksal.

Kunst eröffnet nicht nur einen Einblick in unser Leben, sie holt auch Licht und Schatten aus unserem Innersten hervor: unser Bestes und unsere größten Schwächen. Sie bittet uns, die Herzen zu öffnen, für andere und nicht zuletzt für uns selbst. Sie will, dass wir sehen, glauben, wagen und verändern; fühlen, verstehen und verzeihen; reisen, heilen und befreien; und unsere Körper öffnen in freudiger Erwartung eines neuen Geisteszustandes. Kunst als Transformer.

"Wenn man in einer anderen Zeit aufwacht, an einem anderen Ort, könnte man auch als anderer Mensch aufwachen?" (Fight Club, 1999)

Stellen wir uns Kunst als Zeitmaschine vor, aller Materie entrückt, befreit von Zeit und Raum, uns erinnernd an all unsere verschiedenen Personas: was für eine aufregende Reise wäre das! Kunst als Weg und Ziel.

Kunst - eine transformierende Reise ohne Wiederkehr - wenn wir uns trauen. Kunst als Wagnis.