Faden - Gewebe:

Der Versuch einer Möglichkeit zur Veränderung 

Alfred Hruschka, 2009

Die Jute, der Jutesack und textiles Gewebe sind für mich mit jeder Faser unumgängliche und in jeder Beziehung "notwendige" Materie. Sie sind Voraussetzung und Inhalt meines Tuns.

Textile Alltagsgegenstände wie weiße Bettlacken, Polster- und Tuchentüberzüge sowie Kleidungsstücke, Unterwäsche, Decken, Sets uvm. - die ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung verloren haben, ausrangiert oder ersetzt wurden - sind Teil meiner Arbeit.

Jeder Gegenstand trägt seine individuelle Geschichte in sich, hat seinen eigenen Wert und fordert von mir respektvollen Umgang. Ich halte mehr in Händen als ein Stück Stoffmaterial. Meine Achtung vor gebrauchten, beschädigten und kaputten Dingen, erlaubt mir ein direktes Hineingehen in die menschliche Existenz.

Ich sehe meine Aufgabe als Künstler im Aufwerfen neuer und alter Fragen und möchte den Menschen verwandelte Gegenstände, die neue Bedeutungen auslösen, zurückgeben.

FadenDer Werkstoff auf den ich zurückgreife, hat Menschen mit seiner Materialität und Symbolik seit jeher fasziniert. In den Mythologien der Kelten, Griechen und Römer hatte speziell der Faden hohe Bedeutung und Aussagekraft als Symbol für Leben und Schicksal. Das Spinnen und Verweben von Schicksalsfäden war den frühen Göttinnen zugeordnet.

Diese großen Urmütter der Frühzeit unterwiesen Frauen in der Kunst des Spinnens und Webens. Aus diesem Mythos heraus führt mich der Faden auf direkter Spur zum Körper, zur Weiblichkeit und zur Sexualität.

Aufspüren, was das Gewebe erzählt

Der Faden, noch ohne System, hat seine Qualität in der Gebrauchsoffenheit. Er trägt zwei entgegengesetzte Pole in sich: einhüllend, behutsam, weich und zärtlich der eine Pol, legt der andere Enthüllung, Bloßstellung und die Wirrnisse des Menschen schonungslos offen.

Der Faden ist als Grundvoraussetzung jener Einzelteil, der das Gewebe zusammenhält. Er ist das unscheinbarste und doch wichtigste Element im Prozess der Veränderungen.

Das textile Gewebe im unmittelbaren Kontakt zum Menschen, zu seiner Haut, bleibt auf Distanz: im Dazwischen. Es übermittelt als "zweite Haut" jene Energie, die zwischen zwei Körpern entsteht und sich entlädt: die Energie der menschlichen Emotionen.

Wenn man seine Gefühle in Gewebtes eindringen lässt, vermeint man die Energie von Zuneigung, Liebe und auch Hass zu spüren. Als ob diese Energien, die Teil seiner Geschichte und von besonderem Wert sind, im gewebten Material gespeichert wären.

Weit über das Symbolhafte hinaus, unterliegt das Stoffliche - durch seine Veränderung zum Kunstmaterial geworden - der Transformation aus der Anonymität heraus in eine neue Realität.
Seiner ehemaligen Bedeutung entnommen, zeigt sich das entstandene Kunstwerk nun vor seiner ehemaligen Funktion fremd und distanziert. Der Betrachter sieht sich neuen Fragen ausgesetzt, die von ihm als Einzelnen wegführen, weil sie in ihrer ideellen Ausrichtung allumfassend sind.

Das kreative Endergebnis stellt die Möglichkeit einer vorsätzlichen Veränderung dar, wobei am Anfang dieser der prozessuale Akt steht; das Aufspüren und Bewahren der sogenannten nutzlosen Dinge.

Dem Faden folgendVeränderung ist ein Vorbote der Zukunft

Es war ein Gefühl, eine Berührung – wie Theseus dem Faden der Ariadne folgte. Auch ich will dem roten Faden folgen. Es ist lebensnotwendig dem dunklen Fadengeflecht, dem Netz der Spinne zu entkommen. Vertrauen in mein Gefühl, lässt mich den Weg aus meinem Labyrinth finden.

Das Verlangen mich mit aller Konsequenz auf die Spur meines Lebensgewebes einzulassen, ist langsam gewachsen. Dieses Bedürfnis und meine Arbeit sind die Weiter-Ent-Wickelung aus den Wirrnissen meiner Vergangenheit. Bis zum Riss des Fadens. Irgendwann in der Zukunft, wird sich meine Bestimmung - dem Sinn meines Verlangens zu vertrauen - erfüllen.


Post Skriptum:
Als Kind war ich immer von Stoffen und Menschen umgeben, die in der Schneiderwerkstatt meiner Mutter zu tun hatten. Daher widme ich meiner Mutter diesen Text. Sie war der Mensch, der alle Facetten von Fäden und Geweben kannte. Ihr Leben und ihr Umgang mit Textilen, der ihr Dasein im Guten wie im Bösen umspannte, lehrten mich, meinen eigenen roten Faden zu erkennen, aufzugreifen und mein Lebensgewebe zu entwickeln:
Als Stoff für das Sonntagsgewand der Kreativität und für das Alltagsgewand der Ausdauer.